Artikel aus der Freien Presse vom 16. Februar 2003

Oelsnitz/Lichtenstein/Glauchau: Begrüßung für neue Bahn auf alter Trasse

Triebwagen auf „Stadt Lichtenstein“ und „Stadt Oelsnitz“ getauft - Erstfahrten mit Neugierigen gut gefüllt - In Glauchau kaum Interesse

Mit einem kleinen „Volksaufstand“ begann das neue Bahnzeitalter am Sonnabend auf der Kursbuchstrecke 523: Stollberger Bürger mussten sich ihre Mitfahrt im Eröffnungszug nach Glauchau lautstark erstreiten.

Denn eigentlich war die erste Fahrt der beiden RegioShuttle der City-Bahn Chemnitz GmbH (CBC) geladenen Gästen und Pressevertretern vorbehalten. Die Anwohner sollten nach der Feierstunde auf dem eiskalten Bahnsteig wieder abziehen und erst am Nachmittag zu den kostenlosen Schnupperfahrten wiederkommen. 10.35 Uhr setzte sich schließlich der erste offizielle CBC-Zug in Bewegung, die Bürger mit an Bord. Gesteuert wurden die in Doppeltraktion gefahrene Garnitur von Andreas Rasemann, dem Geschäftsführer der CBC, höchstselbst.

Ein beeindruckendes Argument für den Umstieg vom Pkw in den Zug lieferte der Stau auf der A 72 wenige Minuten später: Die Autobahn unter und neben der Bahnstrecke war wegen Glätte stundenlang gesperrt, während die gekuppelten RegioShuttle sicher talwärts rollten.

Trotz eisiger Kälte waren hunderte Menschen an die Trasse gekommen, winkten dem ersten Triebwagen zu oder fotografierten. Wohl noch nie ist ein Zug mit 63 Tagen Verspätung so überschwänglich begrüßt worden: „Wir wohnen am Stollberger Bahnhof, haben schon Dampf- und Dieselloks erlebt“, erzählt Familie Gundermann. So leise, wie mit den neuen Zügen, sei es aber noch nie zugegangen.

Ganz und gar nicht leise war es auf den Bahnhöfen Oelsnitz und Lichtenstein, wo Kapellen den Eröffnungszug empfingen. Die Regio-Shuttle wurden mit nachgebildeten Sektflaschen aus Schokolade auf die Namen „Stadt Oelsnitz“ und „Stadt Lichtenstein“" getauft. „Nehmt diese Bahn an!“, forderte Lichtensteins Rathaus-Chef Wolfgang Sedner (CDU) seine Bürger auf. Bei der Abfahrt von Lichtenstein wurde es dann auch ziemlich eng im Zug, die Sitzplätze reichten längst nicht mehr aus. Um so erstaunlicher zeigten sich viele Premierengäste bei der Einfahrt in St. Egidien und Glauchau, wo kaum noch Schaulustige auf den Zug warteten. Da die CBC dort aber grundsätzlich keine Anschlüsse von und zur Deutschen Bahn herstellt, war die Einsamkeit nur ein Vorgeschmack auf den Regelbetrieb.

Mit dem Interesse war Bahnchef Rasemann trotzdem zufrieden. Bauverzögerung, verspätete Fördergelder und Personalquerelen bei der für die Trasse zuständigen Regio Infra Service Sachsen GmbH waren vergessen. Und sogar die Haltestellenanzeige in den Shuttles, die einen Tag zuvor noch St. Egidien falsch geschrieben hatte, funktionierte. Trotzdem üben vor allem Lichtensteiner Kritik an der CBC: „Mir nutzt die neue City-Bahn für die Fahrt zur Arbeit nach Chemnitz wegen des fehlenden Anschlusses in St. Egidien leider nichts“, sagte Sigrid Fankhänel.

16.2.2003

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