Artikel aus der Freien Presse vom 5. Januar 2003

Hohenstein-Ernstthal/Chemnitz: Fahrpläne gibt es nur unter dem Ladentisch

Verkehrsverbund Mittelsachsen lässt Kunden im Unklaren - Kopien dienen als Notlösung - Linientabellen finden sich derzeit nur im Internet

Unpünktliche Busse und Bahnen sind zumindest im Berufsverkehr und bei Eisregen kein seltenes Phänomen. Dass aber ganze Fahrpläne Verspätung haben, ist doch eher ungewöhnlich. Genau dies hat aber der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) geschafft. Obwohl der Fahrplanwechsel inzwischen drei Wochen zurückliegt, ist die überwiegende Zahl der auf fünf Fahrplanbüchlein verteilten Linientabellen noch immer nicht ausgeliefert. Und so müssen auch Fahrgäste im Chemnitzer Land oftmals vor der eigentlichen Fahrt zur Haltestelle laufen, um sich über neue Abfahrtszeiten zu informieren.

Als Gründe nennt der VMS angebliche Schwierigkeiten bei der Druckerei, einem Unternehmen aus Dresden. Die Verkehrsbetriebe bezweifeln hinter vorgehaltener Hand zwar diese Versionen, wollen allerdings die fehlenden Fahrpläne auch nicht weiter kommentieren. Am Donnerstag nun sollen alle Fahrpläne vollständig ausgeliefert werden. Diese Information haben zumindest die Kundenbüros der Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ) und der Regionalverkehrsbetriebe Westsachsen GmbH (RVW). Beim VMS war „zwischen den Jahren“ keiner zu erreichen, der eine Stellungnahme hätte abgeben können.

Das Servicetelefon des Verbundes wusste nur zu berichten, dass innerhalb dieser Woche endlich alle Fahrpläne von der Druckerei kommen sollen. Während bei den SVZ (in deren Bussen und Bahnen weiterhin kein VMS-Tarif anerkannt wird) die gesamte Vorablieferung längst ausverkauft ist, werden derzeit Restexemplare der Fahrplanbüchlein bei den RVW wie echte „Bückware“ unter dem Ladentisch hervor verkauft. Der Abteilungsleiter Verkehr bei der Autobus GmbH Sachsen in Chemnitz, Manfred Fischer, hat keinerlei Verständnis für die verspäteten Fahrpläne.

Um die größeren Änderungen mit Inbetriebnahme der City-Bahn-Pilotstrecke Chemnitz - Stollberg den Fahrgästen im Kreis Stollberg trotzdem bekannt zu machen, wurden von seinem Unternehmen spezielle Informationsheftchen gedruckt und verteilt. Damit ein Erfolg der mit Millionen aus öffentlichen Kassen finanzierten City-Bahn nicht gefährdet wird, wurde die teilweise parallel seit 1926 betriebene Buslinie 202 Chemnitz - Stollberg - Aue zwischen Chemnitz und Stollberg eingestellt, hieß es.

Fahrgäste, die bisher rund 40 Minuten mit dem Bus unterwegs waren, benötigen mit der City-Bahn nun eine gute Dreiviertelstunde für die Strecke. Bei den bisherigen Regionalbuslinien 200, 201, 250 und 262 gab es größere Änderungen in den Abschnitten, die nicht direkt von der City-Bahn angefahren werden, um unter anderem Anschlüsse an die Züge in Pfaffenhain herzustellen. So fährt die Linie 262 zwischen Chemnitz und Oelsnitz nicht mehr über die Autobahn, sondern nun über Neukirchen und Pfaffenhain. Zudem wagen sich Stadtbusse der Linien 36 und 48 der Chemnitzer Verkehrs AG (CVAG) bis in den Kreis Stollberg vor. Die Linie 250 wurde dagegen eingestellt.

Wer derzeit von Hohenstein-Ernstthal beispielsweise nach Neukirchen fahren will, braucht nun viel Geduld bei der Suche nach geeigneten Reisemöglichkeiten.

Solange kein Fahrplanbuch vorliegt, bietet sich eine Suche über das Internet an. Sowohl der VMS als auch Autobus Sachsen haben die Linientabellen ins Netz gestellt. Allerdings ist es bisher nicht möglich, automatisch eine Verbindung durch Eingabe von Start- und Zielort suchen zu lassen, wie es von den meisten großen Verkehrsverbünden in Deutschland online längst angeboten wird.

Alternativ bekommen weniger geübte Fahrgäste die Auskünfte an den Servicetelefonen der Verkehrsunter- nehmen und des Verkehrsverbundes. Einige Busbetriebe geben ihren Kunden auch Kopien von einzelnen Linientabellen in die Hand.

Für den Verkehrsverbund Mittelsachsen sind die verspäteten Fahrpläne nicht die erste Panne: Nicht besetzte Hotlines am ersten Tag mit Einheitstarif, fehlende Entwerter an Bahnstationen oder Hickhack um den Kurzstreckentarif in der Chemnitzer Innenstadt - immer wieder sorgte der VMS für Unverständnis bei Fahrgästen und Negativschlagzeilen. Verkehrsexperten können angesichts der unübersichtlichen, vielzackigen und unterschiedlich großen Verbundzonen, die ausschauen als seien sie um Grenzsteine aus dem Mittelalter gezogen worden, nur den Kopf schütteln. Ebenso unverständlich sind die unterschiedlichen Fahrkartenautomaten, wovon am Lichtensteiner Bahnhof noch kein einziger steht.

An vielen Ticketmaschinen der CVAG seien nur Fahrscheine für die Stadt Chemnitz oder den gesamten Verbund zu bekommen, bemängeln Verkehrsplaner.

Wer von Chemnitz-Bernsdorf mit Trambahn und RegionalExpress nach St. Egidien fahren möchte, müsse damit am Hauptbahnhof - wie in alten Zeiten - ein neues Billett lösen. Auf dem Bahnhof nach einem Verbund-Fahrplan zu fragen, wäre übrigens vergebliche Mühe. Die Deutsche Bahn AG verkauft nach Angaben von Bahnsprecher Volker Knauer nämlich grundsätzlich keine Fahrpläne von Verkehrsverbünden, auch wenn das einige Kundenberater in den Reisezentren offenbar nicht wissen und bei Fragen danach völlig überfordert reagieren.

Kommentar: Gas geben! Wo bleibt die Kundenfreundlichkeit?

So langsam sollten die Verantwortlichen im Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) die Anlaufschwierigkeiten des ersten Jahres überwinden und endlich Gas geben. Sonst wäre es kein Wunder, wenn Busse und Bahnen irgendwann ohne Fahrgäste durch die Provinz schaukeln.

Werden potenziellen Pendlern und Reisenden einfach die Fahrzeiten der öffentlichen Verkehrsmittel vorenthalten, lassen sie verständlicherweise wohl nie ihr Auto stehen. Die VMS-Spitze sollte dringend einmal ihr Büro für zwei Dienstreisen zur Fortbildung verlassen: Eine Fahrt müsste dann durch den eigenen Verkehrsverbund führen und die andere zu solchen Verkehrsverbünden in Deutschland, die wirklich kundenfreundlich arbeiten. Aber bitte dabei mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen ...

von Lars Müller
5.1.2003

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