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Artikel aus der Freien Presse vom 12. Dezember 2002
Mit der Straßenbahn als S-Bahn ins Umland
City-Bahn nimmt Trasse vom Chemnitzer Hauptbahnhof nach Stollberg in Betrieb - Start für eines der modernsten Nahverkehrssysteme im Lande
von Gabi Thieme
Chemnitz/Stollberg. Nach fast zehn Jahren Planungs- und Bauzeit rollt am Samstag zum ersten Mal eine Chemnitzer Straßenbahn ins Umland, genauer gesagt bis zum Stollberger Bahnhof und zurück. Damit wird noch mitten im Weihnachtsgeschäft Wirklichkeit, was als Chemnitzer Modell entworfen, diskutiert, umstritten und immer wieder hinausgeschoben wurde: ein S-Bahn-ähnlicher Nahverkehr ohne Umsteigen in modernen Zügen zwischen dem Oberzentrum Chemnitz und zunächst seinem Nachbarkreis Stollberg.
Die erste Strecke dieses Chemnitzer Modells ist 23,2 Kilometer lang, 6,6 km entfallen auf das Stadtgebiet von Chemnitz, sie sind hier Teil des Straßenbahnnetzes. Den Rest legen die Züge auf einem nunmehr elektrifizierten Eisenbahnabschnitt der gleichen Spurbreite (1435 Millimeter) mit maximal Tempo 80 zurück. 26Haltestellen werden während der 44-minütigen Fahrzeit angesteuert, darunter drei neu gebaute: Stollberg/ Schlachthofstraße, Klaffenbach sowie Chemnitz/Riemenschneiderstraße. Auf der Strecke fahren ab Sonntag laut Plan vier Regio-Vario-Bahnen, die Chemnitz und die Stollberg sollen am Samstag Mittag nach der Jungfernfahrt getauft werden.
Betreiber der ersten Nahverkehrsstrecke ins Chemnitzer Umland ist die 1997 gegründete City-Bahn Chemnitz GmbH, die mit 2000 bis 3000 Fahrgästen täglich auf dieser von der Bahn AG gepachteten und in Teilen zum Chemnitzer Straßenbahnnetz gehörenden Strecke rechnet. Insgesamt wurden einschließlich der Fahrzeuge rund 40 Millionen Euro in das Verkehrsprojekt investiert, bis zu 90 Prozent flossen als Fördermittel.
Wochentags werden die Bahnen zwischen 5.30 und 18.30 Uhr im 30-Minuten-Takt verkehren, der letzte Zug fährt 22.44 Uhr ab Bahnhof Stollberg bzw. 23.22 Uhr ab Chemnitzer Hauptbahnhof. Samstags ist die Bahn zwischen 5.30 und 8.30 Uhr im Stundentakt unterwegs, dann bis 14.30 Uhr im 30-Minuten-Takt und danach wieder im 60-Minuten-Rhythmus. An Sonn- und Feiertagen fährt die Bahn zwischen 5.30 und 23.22 Uhr ebenfalls im Stundentakt.
Die bereits seit einigen Jahren zum Stadtbild von Chemnitz gehörende Vario-Bahn, die nach Ansicht von Verkehrsexperten moderne Standards wie kein anderes Nahverkehrsmittel erfüllt, musste für den Einsatz auf dem Schienennetz der Bahn allerdings modifiziert werden. Auch in den Umbau der Schnittstelle zwischen Straßenbahn- und Eisenbahngleisen in Altchemnitz sowie die Errichtung einer neuen Brücke über die Würschnitz unweit davon flossen Millionen. Seit Wochen läuft auf der Pilotstrecke bereits der Probebetrieb - allerdings ohne Fahrgäste. Der strenge Frost der vergangenen Tage bereitete den Betreibern in letzter Minute noch einige Probleme.
Städte wie Karlsruhe, Saarbrücken, Kassel und Heilbronn haben mit ähnlichen Nahverkehrsmodellen bereits seit Jahren durchschlagenden Erfolg. Auch das grenzüberschreitende Nahverkehrssystem Egronet im Vogtland hat in Sachsen schon bewiesen, dass sich solche Investitionen durchaus rechnen können. Das Chemnitzer Modell soll deshalb nicht auf die Strecke nach Stollberg begrenzt bleiben. Anschließen wird sich nach Angaben der City-Bahn im Februar mit eineinhalbmonatiger Verspätung die Strecke zwischen Stollberg und St. Egidien (26 km), auf der moderne Dieseltriebwagen, so genannte Regio-Shuttle, an Werktagen im Stundentakt fahren sollen. Mitte 2004 könnte die Strecke Chemnitz-Hainichen (27 km), die derzeit ab Niederwiesa im Schienenersatzverkehr bedient wird, wieder in Betrieb gehen. Die Bahn AG will sie vollständig an die City-Bahn als neuen Betreiber übertragen. Die Reisezeit soll sich nach der Streckensanierung von derzeit 45 auf 32 Minuten verkürzen. Untersucht wird derzeit auch, ob und wie sich eine Bahntrasse zwischen Chemnitzer Hauptbahnhof, Röhrsdorf und Limbach-Oberfrohna umsetzen ließe. Überall hin könnte eine Stadtbahn mit S-Bahn-ähnlichem Charakter fahren: zügig, pünktlich und schneller als der Pkw, so jedenfalls die Vorstellungen der Betreiber.
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